Kaiba-Sama
Living to love you
Kapitel 2: The narrow-hearted leech
Das Gewitter nahm zu. Finstere Wolken verhüllten die Stadt.
Das überdimensionale Donnern riss ihn aus dem Schlaf. Voller Müdigkeit sah er auf. Sein Schreibtisch voller Papiere, über den Bildschirm seines Laptops wanderte langsam das Logo seiner Firma. Mechanisch schaute er auf die alte Standuhr. Der Zeiger bewegte sich auf sechst Uhr morgens zu. Er musste eingeschlafen sein, noch bevor er seine Arbeit zuende bringen konnte.
Gelähmt durch das ungemütliche Anlehnen auf Unterlagen und Schreibmaterial, sammelte er seine Gedanken. Ein Ringbuch hinterlies Spuren auf seiner linken Hand. Kleine Vertiefungen, entstanden durch den Druck, der durch seinen auf der handliegenden Kopf verursacht wurde.
Es war immer noch dunkel draußen. Das Gewitter würde sicherlich den ganzen Tag andauern und weitere Nächte ungenießbar bereiten.
Kaiba schloss mit einer schnellen Handbewegung denn oberen Teil seines Laptops. Die Klappe fiel zu.
Um nach einer kühlen Erfrischung und vielen Tassen starken Kaffee sich wieder bei der Arbeit finden zu können, wo er aufgehört hatte, ließ es seinen Schreibtisch so wie er war und stand auf.
Wie jedes Mal nach solchen langen Nächten, spielte sein Rücken nicht mit.
Die Schmerzen wanderten bis hin zu seinen Schultern. Sein Körper bewegend, verließ er sein Büro. Seine Schritte bewegten sich mit einer täglichen Gewohnheit einen dunklen Gang entlangt, der nur durch ein grelles Aufflackern der Blitze ab und zu erhellt wurde.
Er rieb sich feste den Nacken.
Die Verspannung saß überall.
Ein dumpfes Stöhnen, gleich einem schmerzlichen Schrei, entkam seinen Lippen. So fest er konnte, lockerte er seine verspannten Muskeln.
Es half nichts.
Er musste wiedereinmal Zeit finden um dieses Problem bei einem seriösen Masseur auszumerzen.
Er erreichte sein Zimmer.
Trotz der Dunkelheit schloss er die Tür ab. Licht erschien ihm in diesem Augenblick zu hell für seine Augen, die sich immer noch nach Schlaf sehnten. Er wollte duschen und so seine Müdigkeit loswerden.
Ein seltsames Gefühl ließ seine Gedanken einen anderen Weg nehmen.
Nein.
Er wollte etwas anderes.
Wie durch einen tierischen Instinkt getrieben, ging er zu einer Schublade. Den Schlüssel aus seiner Hosentasche rausholend, verspannten er sich erneut. Es war wie ein unüberwindbares Verlangen, dem er, sein Körper, nicht widerstehen konnte. Seine Hände zitterten, als er die Schublade aufschloss.
Er hatte es wieder nicht geschafft.
Er konnte es nicht innehalten.
Er war gefangen.
In sich selbst.
Jetzt war es wieder zu spät, um 'Nein' zu sagen...
Stunden verstrichen.
Der Regen ließ etwas nach und lockerte die Ansammlung der Gewitterwolken. Gegen neuen Uhr prasselte es schwach an die Fensterscheiben.
Das düstere Flair verbreitete sich auch an diesem Morgen weiter aus.
Die Kälte blieb.
Das Grau und der schwache Regen versetzten Domino in melancholische Müdigkeit.
Joey öffnete seine Augen.
Herzhaft gähnte er und setzte sich aufrecht aufs Bett. Die Beine auseinander gespreizt, rieb er sich die Augen. Die Trübe veranlagte ihn sich ordentlich zu strecken, wobei er heftig stöhnte.
Ja, die Nacht in diesem Bett tat ihm gut. Noch einmal genoss er die Wärme und Wohltugend, die ihm die Nacht beschert hatte. Er fühlte sich seit langem richtig gut. Beim nochmaligen Gähnen fielen ihm ordentlich zusammengelegte Sachen auf der anderen Seite des Bettes auf. Wie er feststellte, waren es nicht seine Klamotten. Er zog sie näher zu sich und betrachtete sie.
Die blaue Jeans, die frisch gewaschen roch, sah seiner ähnlich, jedoch ohne Loch und nicht abgetragen. Das schwarze Langarmshirt roch ebenfalls frisch. Er hob es näher zu seinem Gesicht, bettete seine Nase hinein und genoss die Frische. Der weiße Pullover mit V- Ausschnitt wurde von Joey ebenfalls genau inspiziert.
Er sah sich um. Von seinen persönlichen Klamotten nichts zu sehen.
Voller Sehnsucht frische Sachen über seinen Körper zu streifen, zog er sie an.
Ein bisschen unwohl war ihm schon dabei, als er sich fragte, wem diese Sachen gehören mögen und wer sie gebracht hatte.
Doch er entschied sich, trotz dieser Fragen, sich wohl in seiner Haut zu fühlen.
Trug Kaiba diese Klamotten oder nicht, war Joey egal.
Und eigentlich war er sich ziemlich sicher, das er es tat. Alles saß zwar recht gut, doch etwas zu lang.
Er schaute sich nach einer Uhr um.
Auf der Kommode auf der anderen Seite des Bettes stand eine Digitaluhr. Er erkannte nicht, was diese Preis geben sollte, da sie verschoben wurde und nicht in seine Richtung gedreht war.
Mit eiligen Schritten, da zu seinem Glück nur noch ein reiches Frühstück fehlte, umging er das Bett und nahm sich die Uhr.
Zwölf nach neun.
Joey war sich sicher, er würde erst gegen Mittag aufwachen. Die Uhr zurückstellend, fiel sein Blick auf einen Fotorahmen, den er beim hastigen Nehmen der Uhr auf den Boden geworfen hatte.
Er hob es auf.
Neugierig drehte er es um. Überrascht sah er einen jungen Seto Kaiba und dessen Bruder Mokuba.
Kaiba stand neben seinem Bruder. Er umarmte Mokuba mit seiner linken Hand, die auf dessen Schulter ruhte. Mokuba schlang seine Arme um Kaibas Taille und lachte in die Kamera. Auch Kaiba sah glücklich aus.
Er lächelte.
Joey gefiel dieses warme Lächeln. Es war nicht hysterisch oder wahnwitzig, wie sonst auch.
Dieses Lächeln hatte Charakter.
Das Foto erinnerte ihn an seine Schwester und ihn selbst. Er setzte es vorsichtig auf die Kommode und sah es weiter an.
Guten Mutes und wohlwissend, dass heute ein besserer Tag werden sollte, als sein letzter, machte er sich auf den Weg in den Speiseraum. Nachdem sich Joey zweimal verlaufen hatte und einige Beschäftigte des Hauses nach dem Speiseraum fragte, wurde er fündig.
Vor ihm lag ein langer, breiter Gang. Die Fester zu seiner Linken verrieten eine weitere stürmische Ansammlung von Wolken. Innerhalb weniger Stunden würde es wieder regnen und womöglich auch hageln.
Am Ende des Ganges befand sich eine massive Tür, die einen Spalt breit offen stand. Joey machte sich auf den Weg.
Der Kaffee war bitter, zu heiß und roch nach verbranntem. Genervt stellte Kaiba ihn auf die Untertasse, sah in Richtung des Bediensteten und sprach nicht ohne einen Anflug von Wut.
"Bringen Sie mir sofort eine neue Tasse Kaffee. Ich habe doch verständlich darum gebeten, er solle fünf Minuten noch stehen bevor er mir gebracht wird." - "Sehr wohl." Der Mann trat näher, nahm die Tasse mit größter Vorsicht und entfernte sich.
So fing der Morgen erst richtig gut an. Sarkastisch lächelnd schlug er die zwanzigste Seite der aktuellen New York Times auf. Die wenig nach unten gesunkenen Kurse des NASDAQ und DAX vertieften ihn in diese Seite. Zwar waren seine gekauften Aktien davon keinesfalls betroffen, doch würde das bei weiteren Verlusten und Schwanken eintreffen.
Er hatte einfach keinen Nerv auf solche Probleme.
Mit seiner Arbeit kam er in letzter Zeit auch kaum voran, obgleich er Tag für Tag neue Tabellen entwarf, an etlichen Prototypen der Kaiba Corporation arbeitete, um diese endlich in Produktion setzten zu können und seine Mitarbeiter musste ebenfalls beschäftigt werden.
Pläne schwirrte ihm im Kopf herum, für die er keine Zeit zum Verwirklichen fand. Die Behörde wollte den Bau eines neuen Komplexes der Firma nicht genehmigen, was Seto Kaiba sehr erzürnte und er alles daran setzte, um bei seinem in vier Tagen stattfindeten Meeting die Überzeugung auf seiner Seite zu haben.
Alles in allem hob sich das Risiko um das Sechsfache einem Herzinfarkt zu unterliegen, so die Schlagzeilen an diesem Morgen.
Stress war unerwünscht und keinesfalls gesund, doch wer sollte das alles für ihn erledigen? Im Grunde genommen könnte er Arbeit unter guten Mitarbeitern seiner Firma verteilen, doch wie immer verließ er sich nur auf seine eigenen Fähigkeiten und war davon eisern überzeugt, nur er konnte es zu seiner eigenen Befriedigung erledigen.
Nur so wie er es wollte und keinesfalls anders.
Auch Mokuba bat in letzter Zeit um mehr Beachtung. Wollte etwas mehr von seinem Bruder, der ohne hin schon selten genug in seiner Nähe war. Erleichtert musste er zugeben, dass er ihn niemals störte. Zwar kam er hin und wieder in sein Büro, doch wagte es nicht einmal zu sprechen, wenn er ihn müde, überarbeitet und konzentriert bei seiner Arbeit vorfand.
Mokuba behauptete, er arbeite zu viel.
Seine Konkurrenz behauptete, er arbeite zu wenig.
Kaiba blätterte eine Seite weiter. Auch von dieser würde er nicht viel mitbekommen, zwar las er, doch seine Gedanken waren woanders.
Er musste sich zusammenreißen, mehr arbeiten, weniger schlafen. Er fragte sich sowieso, dann er das letzte Mal mehr als drei Stunden Schlaf gefunden hatte. Er wollte sich einen Vorsprung verschaffen und den gemeinsamen Traum mit Mokuba ein weiteres Mal in die Tat umsetzen.
Er erinnerte sich an den Tag, an dem er seinem kleinen Bruder dieses Versprechen gab. Sie spielten im Sandkasten, bauten einen Vergnügungspark aus Tausenden von Sandkörnern. Das war der Anreiz dazu, solche Gebäude auf der ganzen Welt zu erstellen. Damals versprach er Mokuba diesen Gedanken nicht zu vergessen und solche Anlagen auf der ganzen Welt zu bauen.
Er fragte sich aus welchen Motiven er damals so handeln wollte. Wegen seinem Bruder oder auch nur, um Menschen daran zu erfreuen? Heute hingegen tat er es in erster Linie für Geld. Sich selbst konnte er nicht belügen. Mokuba ist ihm wichtig, doch der wahre Grund war das Finanzielle.
Er spürte in letzter Zeit auch, dass er sich langsam und ungewollt von seinem Bruder entfernte. Es gab Tage, an dem er ihn nicht einmal sah. Allerdings lag es nicht an seiner Arbeit.
Und nicht, dass er es von sich aus so wollte.
Sein Körper wurde beherrscht von einer pharmazeutischen Macht, die er nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Sein Kaffee wurde gebracht. Der Zurückgekommene stellte ihn sorgsam auf die Tasse und wünschte nun zum zweiten Mal guten Appetit. Als Gegenleistung murrte Kaiba leise. "Hoffentlich ist er dieses Mal so, wie ich ihn haben will." - "Sie haben meine volle Zusage, Sir."
Kaiba nahm erwartungsvoll die Tasse, führte sie zu seinen Lippen und trank.
Er fühlte, wie warme Flüssigkeit in seine Kehle floss. Der Kaffe wirkte mit jedem Schluck. Zwar ruhte der Schlaf immer noch in seinen Gliedern, doch fühlte er sich besser.
Er schloss die Augen.
Die Dunkelheit ließ ihn für weinige Sekunden vergessen, welch höllische Kopfschmerzen er ertrug.
Er fühlte die Abhängigkeit ein weiteres Mal.
Dumpfe Schritte ließen ihn seine Augen öffnen. Er drehte seinen Kopf überrascht zur Tür.
Konnte Mokuba an einem Sonntagmorgen schon so früh wach sein?
Völlig ertappt, als wenn er etwas unsittliches tat, wenn er seinen Kaffe genoss, fühlte er Joey´ s Augen auf sich ruhen. Der junge Mann kam immer näher auf ihn zu.
"Du bist immer noch hier, Wheeler?" - "Wie du siehst, regnet es immer noch." - "Verschwinde! Ich habe bereits zuviel für dich getan. Du kannst froh sein, dass...." - "Halt doch endlich deine Klappe, Kaiba!" - "Wheeler!! Du bist hier in meinem Haus und ich...." - "Ja, ja. Leck mich am Arsch. Ich werde erst Frühstücken und dann gehe ich! Zufrieden?!!"
Kaiba musterte ihn genau. Er sah ihn schnell atmen und verstand, dass dieser keine Antwort brauchte. Es gefiel ihm nicht, von ihm so angeschrieen zu werden.
Kaiba war in der tat mit Joey´ s eigenem Rausschmiss zufrieden. Nun musste er ihn nur noch wenige Stunden, sofern er vorhatte solange zu essen, dulden und er wäre ihn los. Und schließlich hatte er selbst keinen großen Appetit.
Sein Omelett, welches er bestellt hatte, lag lustlos und beinah komplett auf seinem Teller samt Beilage. Er wollte lediglich die Zeitung durchblättern, interessante Artikel überfliegen und seinen Kaffee trinken, der ihn für seine Arbeit wachrütteln sollte. Obgleich er sich nach so einer Nacht nicht zum Arbeiten fit genug fühlte.
Wie sonst auch, zwang er sich einfach.
Joey setzt sich vier Stühle weg von Kaiba. Der große Tisch, der fast die Länge des Raumes einnahm, stand vollkommen leer. Überrascht bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie Kaiba zu dem Bedienstete, der in einer Ecke auf Anweisungen wartete, ansah und leicht seinen Kopf in Joey´ s Richtung wand.
Der Mann verstand und ging auf Joey zu.
Panik stieg in Joey auf. Wollte er ihn jetzt rausschmeißen? Wollte er ihm noch nicht einmal ein nettes, kleines, feines Frühstück als Henkersmahlzeit gewähren?
Doch anstatt Joey zu packen und ihn in die Kälte zu zerren, blieb der Mann neben ihm stehen und fragte, was er denn gerne frühstücken möchte. Völlig geplättet schaute er auf Kaiba. Dieser hatte sich wieder seiner Zeitung zugewandt.
"Bring mir einfach von allem etwas!" Voller Vorfreude lächelte Joey den Mann an. Dieser verstand nicht und sah zu seinem Arbeitgeber. "Bringen Sie ihm einfach irgendwelche Reste." Unzufrieden schaute Seto Kaiba von seiner Zeitung auf.
Der Bedienstete verschwand erneut hinter der Tür.
Joey wollte sich wieder über Kaibas Worte aufregen, ließ es dennoch sein. Stattdessen
entschied er sich zu schmollen.
Beide mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, sagte keiner ein Wort.
Joey wunderte sich über den immer noch anhaltenden Regen. Zwar ließ er langsam nach, doch der Himmel wollte sich einfach nicht lichten lassen. Es schien ihm als würden Stunden vergehen.
Er hatte Hunger und wollte hier weg.
Weg von Kaiba und seinen widerwärtigen Launen.
Joey fragte sich, wie lange er wohl noch gearbeitet hatte.
Er riskierte einen Blick.
Der überspannte Gesichtsausdruck verriet eine lange, arbeitsreiche Nacht.
Joey hatte es satt immer nur dazusitzen und zu warten. In der Hoffnung Kaiba würde endlich seine Zeitung zusammenfalten und etwas anderes tun.
Zum Beispielt verschwinden.
Aber seit wann dachte er so? Kaiba hatte ihn schon von Anfang an an der kurzen Leine. Seit dem er ihn kennt ist er ein Arschloch gewesen. Sagt nicht viel, bildet sich etwas auf seinen Titel ein und behandelt Joey wie einen räudigen Köter. Mit der Zeit fragte er sich, ob Kaiba einfach nur ohne ein bisschen Streit nicht leben konnte.
Würde er sich anders verhalten, wenn Joey eine nette Geste für ihn offen hätte?
Seine Gedanken wurden durch das Eintreten des Personals unterbrochen. Er sah zu, wie ihm köstliche Speisen auf den Tisch gestellt wurde. Auch er bekam ein Omelett. Es duftete köstlich, warm und appetitlich. Joey nahm die dazugelegte Gabel und futterte los. Das Gemüse als Beilage ließ er ebenfalls nicht aus.
Es schmeckte ihm so gut, dass er sich wünschte, niemals damit aufhören zu müssen.
Noch nicht ganz runtergeschluckt, bat er den Mann, ihm noch eines zu bringen. Angewidert bejahte er und verschwand erneut. Auch Kaiba schaute auf, als er Joey´ s Manieren bemerkte. Leicht verzog er seine Augenbrauen, seine Lippen formten ein 'Hmpf'.
Joey beachtete ihn nicht. Den Brei in seinem Mund runterschluckend, griff er zum Glas, das mit Saft gefüllt war.
Er war froh, dass er keinen Kaffee bekommen hatte.
Den Rand des Glases setzte er an seinen Lippen. Leicht öffnete er den Mund und ließ die Flüssigkeit runterlaufen. Seine Augen glitten dabei zu Kaiba, der die Zeitung leicht auf den Tisch neigte und, Joey nicht bemerkend, nach einem Apfel griff, das im Obstkorb vor ihm lag. Leicht mit seinen Finger umschloss er das Obst. In seinem Tun gestoppt, spürte er Joey´ s Blicke und sah in an.
Joey´ s Augen haben sich enorm geweitet, in seinem Gesicht stand blankes Entsetzten. Erst jetzt begriff Kaiba.
Nicht dem Apfel galt sein Blick, sondern seiner Hand.
Sie zitterte heftig.
Selbst nicht begreifend, was los war, zog er seine Hand schnell an sich und legte sie auf seinen Schoß.
Seine Blicke galten nun Joey.
Er sah ihn immer noch an.
Kaum hörbar keuchte der Blonde. "Kaiba..."
"Halt deinen Mund!!"
Joey schreckte leicht zusammen. Kaibas Stimme hatte sich zu schnell gehoben, Joey setzte das Glas von seinem Mund ab und stand auf. Er wusste es nun.
Kaibas Verhalten und vor allem das Zittern verrieten es.
Joey kannte das alles.
Er wuchs auf der Straße damit auf, sah, wie Menschenseelen daran brachen. Er selbst war nie davon betroffen, trotz Umgang mit falschen Freunden blieb er sich selbst treu.
Wie gelähmt sah er den wütenden Blick Kaibas.
Wie eine Schlange, die kurz davor stand, ihr tödliches Gift in die Venen zu spritzen.
"Warum? WARUM NIMMST DU DROGEN?"
"Halt deinen Mund, Welpe, was verstehst du davon....?!!"
Joey riss seine Augen weiter auf. Er wusste es besser als der Konsument.
"Hör auf mich anzuschreien! Mich zu beleidigen! Ich dachte du hättest mehr Anstand. Jetzt weiß ich auch, was du von diesem alten Mann im Uhrengeschäft wolltest!"
Kaiba lächelte zum Erstaunen von Joey. Er schien einfach nicht zu begreifen, dass das alles kein Spiel mehr war.
Joey hielt ihn immer für einen starken Charakter. Arrogant und dennoch mit genug Anstand, um von so was die Finger zu lassen.
Joey drehte sich der Magen um.
Wie konnte Kaiba es zulassen, sich eigenst so schwach zu machen?
Joey suchte gestern Nacht nach einer menschlichen Schwäche in ihm.
Jetzt wünschte er sich, sie niemals gefunden zu haben...
Schon lange aufgestanden, musterte er Kaiba erneut. Auch dieser stand auf, streckte seine Hand aus und zeigte auf die Tür, durch die Joey soeben gekommen war. Angewidert brüllte er Joey an. "Verschwinde aus meinen Augen!! Verlasse diese Villa!!"
Joey´ s Geduldsfaden riss.
Er wollte weder hier spionieren noch Kaibas Hass auf ihn vertiefen. Ständig dachte er darüber nach, dass er privat nicht so ein kaltherziger Mensch sein kann.
Er hatte sich so darauf verlassen.
Er wünschte es sich, seit langem.
Es gab Momente in denen Joey sich selbst zu geben musste, das ihn Seto Kaiba faszinierte.
Seine rechte Hand ballte sich zu einer Faust. Leichtes Zittern überkam ihn. Er ging mit langsamen Schritte auf Kaiba zu, fixiert in seine saphirblauen Augen.
Er hörte Kaibas Brüllen nicht mehr. Seine Schreie gingen ins Leere. Joey spannte all seine Muskeln im Körper, rannte noch einige Schritte, bevor er ausholte. Sekundenlang starrte er auf sein Gesicht. Kaiba war sichtlich überrascht über diesen Zug von ihm.
Es blieb keine Zeit, etwas zu sagen.
Keine Zeit um auszuweichen.
Joey legte all seine Kraft in die Faust, und schnellte vor. Seine Faust rammte sich in seine Wange. Nur wenige Sekunden später, spürte er das Fleisch nachgeben, spürte seine Knochen. Durch die enorme Beschleunigung und Joey´ s Kraft, drehte sich Kaibas Kopf nach links.
"DU IDIOT!! DU VERSTEHST NICHT, DASS DU DA NIE WIEDER RAUSKOMMST!!!!"
Kaibas Körper gab nach. Er flog mit dem Rücken zuerst gegen den Stuhl und prallte am Tisch ab. Sein benommener Körper sank zu Boden.
"JOEY!!!???"
Der angesprochene drehte sich überrascht um.
Mokuba starrte entsetzt abwechselnd zu seinem Bruder und Joey. In seinem Blick lag etwas unverständliches. Joey begriff, was er getan hatte. Schnell richtete er seine Augen erneut auf den immer noch liegenden Kaiba. Dieser hatte sich unter Schmerzen und keuchen mit seiner linken Hand abgestützt. Leicht glitten seine Hände zu seinem Gesicht.
Er blutete.
Seine Nase war leicht geschwollen und voller Blut. Auch Joey bemerkte kalte Flüssigkeit auf seiner Haut. Er starrte zu seiner Hand, die sich immer noch ballte. Kaibas rotes Blut klebte auf seinem Handrücken.
Mokuba schrie und rannte zu seinem Bruder. Er wollte ihm helfen. Geschockt kniete er sich zu ihm und erkundigte sich nach dem Verletzten. Doch anstatt auf eine Antwort zu warten, blickte er unter Tränen zu Joey.
"Warum hast du das getan??" Er schluchzte.
Man sah, das der Junge nichts von alledem verstand. Durch diese übertriebenen Sorgen, wie es Joey schien, und dem emotionalen Verhalten, begriff er, dass Kaiba wohl nicht all zu oft oder auch gar nicht geschlagen wurde.
Warum sollte er auch?
Die meisten Leute, die Umgang mit ihm hatten, waren intelligent genug, um einen Skandal zu vermeiden.
Nur er, Joey Wheeler, hat sich von seinen Gefühlen leiten lassen.
Kaiba keuchte. Joey wusste, dass er sich nicht sonderlich wehgetan haben konnte, trotz der geplatzten Arterie.
Er sollte befriedigt sein, Kaiba verletzt zu seinen Füßen zu sehen. Sein Gesicht von Blut verschmiert, die Augen zusammengekniffen, versuchter er aufzustehen. Doch Joey fühlte, wie sein Körper nachgab.
Er konnte nicht mehr hier bleiben.
Und von Mokuba würde er jetzt auch keinen Schutz mehr erwarten.
Es tat ihm weh.
Er hasste sich selbst, so zu sein, wie er war.
Er wollte sich mit diesen Gefühlen nicht auseinandersetzen. Noch einen einzigen Blick auf Kaiba werfend, rannte er los. Schmiss einige Stühle zur Seite, rannte den Gang entlang bis hin zur Eingangshalle.
Joey riss die schwere Tür auf und verschwand im immer stärkerwerdenden Regen.