Der Park - aus der Perspektive von Zsuzsa Bognár

Botho Strauß, ein antiliberaler Konservativer


Der 1944 in Naumburg geborene Autor gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern. In der literarischen Öffentlichkeit erscheint seine Laufbahn seit den Anfängen in den 70er Jahren als ungebrochen. Zwar sind die Stücke von Strauß zweifellos schockierend, als richtig provozierend hat die westdeutsche – traditionell zunehmend linksorientierte – Intelligenz nicht seine Dramen, sondern seinen 1993 publizierten zivilisations- und demokratiekritischen Essay Anschwellenden Bocksgesang aufgenommen. In der heftigen Polemik, die dieser bekenntnishafte Text auslöste, wurde Strauß nicht selten als Rechtsintellektueller mit konservativen und antiliberalen Ansichten abgetan. Kein Zufall, drückt er doch im Anschwellenden Blocksgesang mit aphoristischer Prägnanz seine Vorbehalte gegen die Demokratie-Herrschaft der Masse, die Toleranz heuchelnden Reden in den westlichen Medien aus; vielmehr bekennt er sich offen zu einem gewissen kulturellen Elitismus, der Bindung an das Erbe und der Lobpreisung der Autorität.
Insofern Der Park genau auf ein klassisches Stück der Tradition, Shakespeares Sommernachtsraum zurückgreift, lohnt es sich, ein diesbezügliches Zitat aus dieser berüchtigten Schrift herbeizuholen:

Es ist schade, ganz einfach schade, um die verdorbene Überlieferung. Ja, sie verdirbt draußen vor den Toren wie eine Fracht kostbare Nahrung, auf die die Bevölkerung wegen irgendwelcher Zollstreitigkeiten verzichten muß. Die Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung von Zeitgenossenschaft, verendet vor der politisierten Unwissenheit jener für ein bis zwei Generationen zugestopfter Erziehungs- und Bildungsstätten, Horste der finsteren Aufklärung, die sich in einem ambivalenten Lock- und Abwehrkampf gegen die Gespenster einer Geschichtswiderholung befinden: ’Wehret den Anfängen!’…
Ach! Setzt selber einen brauchbaren! 

Vor der Folie einer solchen Überzeugung stellt sich die Frage unwillkürlich: Na, und was passiert in Der Park mit der Überlieferung?  Werden hier die Chance der Harmonie, der Glaube an die befreiende und erhöhende Kraft der Liebe – welche bei Shakespeare trotz aller Hindernisse den Sieg noch davon tragen konnten – nicht total zugrunde gerichtet?  Überhaupt: was bleibt von dem homo sapiens und homo ludens Shakespeares in der desillusionierenden Nachdichtung von Strauß? Nackte, verkommene Körper von alten Ehepaaren und Stumpfsinn der Triebe. Lustmord als letzte Tat auf der Bühne.
Nach dem ersten Schock über den fürchterlichen Ausgang des Strauß-Dramas muss man zugeben, eine harmlose Shakespeare-Aufführung wäre nicht imstande gewesen, den heutigen Zuschauer anzusprechen. Der pietätlose Umgang mit der klassischen Dramenliteratur – wie es hier durch Text und Regie vollzogen wurde – ist nämlich auch eine Art Auseinandersetzung mit der Überlieferung. Freilich eine befremdende, weil sie aus der Stimmung und zuversichtlichen Weltsicht des Originals gerade herausreißen will – und da ist gleich eine andere, spezifisch deutsche Theatertradition zu erkennen, deren Wirkung sich kein Nachkriegsdramatiker entziehen konnte – Brecht.

Alles in Allem kann man behaupten, bei der Zurücknahme jeder vernünftigen Ordnung, den ständigen Provokationen durch Exhibitionismus und diversen Erscheinungsformen sexueller Perversion bleibt Strauß seinem Leitprinzip, das Erbe betreffend, treu. Wie ein richtiger Konservativer. Oder aber ein genauso richtiger Postmoderner. Die Frage ist nun: Wozu sind solche Etiketten da?

Zsuzsa Bognár